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Johanna Kotthoff: „Leidenschaft mindestens genauso groß wie die der Spieler“


Der Arbeit von Schiedsrichtern fehlt oft die verdiente Anerkennung. Sie stehen jeden Sonntag auf den Plätzen und ohne sie wäre Fußball unter fairen Wettkampfbedingungen nicht möglich. Johanna Kotthoff ist die einzige weibliche Schiedsrichterin im HSK. match-day.de hat sich mit der 22-jährigen Medizinstudentin, die für den FC Remblinghausen pfeift, über ihren Werdegang, den Alltag als Schiedsrichterin und ihre Zukunftspläne unterhalten.

match-day.de: Es gibt sicherlich stressfreiere Hobbys, bei denen man nicht so einem Druck ausgesetzt ist. Wann und warum haben Sie sich trotzdem dazu entschlossen, Schiedsrichterin zu werden?

Johanna Kotthoff: „Ich bin damals eher dort „reingerutscht“. In meiner ehemaligen Schule bot ein wirklich cooler Lehrer, selbst Schiedsrichter, einen Anwärterlehrgang als AG an. Eine Freundin und ich haben uns angemeldet und es danach auch erst wieder vergessen. Als dann die ersten Spiele kamen, hat mir das Ganze aber doch erstaunlich viel Spaß gemacht. Um den Einstieg zu erleichtern, bekommt man als Neuling einen erfahrenen Schiri zur Seite gestellt, der als Mentor die ersten Spiele beratend und unterstützend begleitet. Mein eigener Mentor hat mich von Anfang an bestärkt und gefördert. Durch diesen positiven Zuspruch bin ich dann dabei geblieben.“

match-day.de: Was fasziniert Sie an dem Schiedsrichterwesen?

Johanna Kotthoff: „Besonders spannend am Pfeifen finde ich es, mit den wechselnden Herausforderungen umzugehen. Kein Spiel ist wie das andere. Spieler reagieren völlig verschieden und ich musste lernen, wie ich am besten mit den unterschiedlichen Typen umgehen kann. Situationen, die eskalieren könnten, muss ich rechtzeitig erkennen und verhindern. Man lernt dadurch unheimlich viel über den Umgang mit Menschen und eignet sich nach und nach ein sichereres Auftreten und ein größeres Selbstvertrauen an. Besonders ist auch der Zusammenhalt untereinander. Auf dem Platz bin ich zwar auf mich allein gestellt, aber habe immer Kollegen, mit denen ich mich nach den Spielen oder bei der monatlichen Belehrung austauschen und auch mal ein Bier trinken gehen kann. Ich habe, seitdem ich Schiedsrichterin bin, viele neue Freundschaften geschlossen und tolle Erfahrungen gesammelt.“

match-day.de: In welchen unserer heimischen Ligen sind Sie im Einsatz und was ist die höchste Spielklasse, in der Sie Spiele leiten?

Johanna Kotthoff: „In den heimischen Ligen bin ich fast überall unterwegs. Im Seniorenbereich darf ich dabei die Männer bis in die Bezirksliga pfeifen und bin dort momentan im Kader für den Aufstieg in die Landesliga. Auch wir Schiedsrichter haben dafür ein System, bei dem die einzelnen Kameraden durch speziell geschulte Beobachter während ihrer Spiele bewertet werden. Zusätzlich muss man noch eine theoretische und eine Laufprüfung beim Verband in Kaiserau ablegen. Nur die Besten steigen so am Ende der Saison in die nächsthöhere Liga auf. Bei den Frauen darf ich außerdem bei Spielen bis in die 2. Bundesliga assistieren. Da waren schon einige Highlights wie das Spiel der Damen des VfL Wolfsburg II gegen die des FC Bayern München II dabei.“

match-day.de: Haben Sie auch selbst Fußball gespielt, oder schon immer lieber Spiele geleitet als selbst aktiv als Spielerin am Spielgeschehen teilzunehmen?

Johanna Kotthoff: „Vorher habe ich selbst über zehn Jahre Fußball gespielt. In der Abiturzeit habe ich mir allerdings meine Hand in einem Spiel gebrochen. Deshalb bin ich im Anschluss auf das ungefährlichere Hobby umgestiegen und habe seitdem nur noch sporadisch selber gekickt.“

match-day.de: Sie müssen als Schiedsrichterin immer auf Ballhöhe sein. Wie halten Sie sich fit?

Johanna Kotthoff: „Grundsätzlich halten die Spiele an sich schon fit. Unter der Woche mache ich zuhause Kardiotraining oder fahre Inliner oder Fahrrad, da ich leider wirklich sehr ungern joggen gehe. Ich probiere außerdem gerne neue Sportarten aus, wie zum Beispiel Bouldern und Klettern. Neben der körperlichen spielt bei uns aber auch die geistige Fitness eine große Rolle. Wir treffen uns einmal im Monat zu einer Belehrung, um die Regelsicherheit aller Kameraden zu gewährleisten. Dieses Wissen wird zwei Mal im Jahr schriftlich überprüft.“

match-day.de: Es gibt auch unter Schiedsrichtern durchaus Persönlichkeiten, die international bekannt sind wie Pierluigi Collina oder Howard Webb. Aus Deutschland zählen sicherlich Felix Brych und Deniz Aytekin dazu. Seit 2017 ist mit Bibiana Steinhaus auch endlich eine Frau in der Bundesliga angekommen. Haben Sie ein Vorbild?

Johanna Kotthoff: „Als Frau ist mein größtes Vorbild natürlich Bibiana Steinhaus. Keine Schiedsrichterin hat in Deutschland jemals das erreicht, was sie geschafft hat. Sie ist – im positiven Sinne – eine so gute und unauffällige Spielleiterin. Inzwischen hat sie sich in der Bundesliga etabliert, obwohl 2017 noch diskutiert wurde, ob sie als Frau dem Druck überhaupt standhalten kann. Menschlich und vom Pfeifstil her ist allerdings eher Deniz Aytekin mein Vorbild. Er hat ein wirklich gutes und entspanntes Verhältnis zu den Spielern und kann viele Situationen schon durch einen strengen Blick und ohne Karten lösen. Trotzdem wird er als Spielleiter respektiert und akzeptiert und kann sich in hitzigen Spielen gut durchsetzen.“

match-day.de: Es gibt im HSK bei Schiedsrichtern einen Mangel im Nachwuchsbereich. Sie sind die einzige Frau. In der Saison 2018|19 müssen die Vereine, die keinen Schiedsrichter stellen können, in Summe ca. 16.000 Euro an Strafen zahlen. Woran liegt das und was glauben Sie, muss getan werden, um die Lage zu verbessern?

Johanna Kotthoff: „Das liegt mit Sicherheit an vielen Punkten. Zunächst können sich viele Leute gar nicht so genau vorstellen, was ein Schiedsrichter überhaupt macht. Andererseits fehlt oftmals die Wertschätzung für uns und unsere Tätigkeit. Viele sehen im Schiedsrichter immer noch den „Spielverderber“. Dass unsere Leidenschaft für den Fußball mindestens genauso groß ist, wie die der Spieler, das sieht niemand. Wer sonst würde sich jeden Sonntag aufs Neue anpöbeln und teilweise beschimpfen lassen, von Zuschauern, von Trainern, Spielern und im Jugendbereich sogar von Eltern. Wir treffen unsere Entscheidungen nach bestem Wissen und Gewissen; abhängig von dem, was wir aus unserer Perspektive sehen können. Fehler macht niemand mit Absicht! Wenn aber mal einer passiert, vergisst jeder die 99 richtigen Entscheidungen vorher. Und natürlich wird auch nur über Fehler oder von unzufriedenen Trainern in der Presse berichtet. Dass sich viele junge Leute diesen Stress nicht antun möchten, kann ich sehr gut nachvollziehen. In den Vereinen und der Presse sollte meiner Meinung nach mehr Werbung für unser Hobby gemacht und generell die Bedeutung der Schiedsrichter mehr hervorgehoben und wertgeschätzt werden. Hilfreich wäre außerdem, wenn Trainer und Spieler, die teilweise mit unzureichender Regelkenntnis glänzen, nicht jede Entscheidung kommentieren würden.“

match-day.de: Was war Ihre größte Fehlentscheidung und wie gehen Sie damit um, wenn Sie selbst einen Fehler bemerken?

Johanna Kotthoff: „Grobe Fehler sind mir bisher noch nicht unterlaufen, denke ich. Da es in der Kreisliga noch keinen Videobeweis gibt, kann man sich diesbezüglich aber selber nie ganz sicher sein. Wenn ich allerdings zum Beispiel eine Ecke anzeige, aber der Stürmer auf mich zukommt und zugibt, den Ball als letztes gespielt zu haben, nehme ich die Entscheidung natürlich wieder zurück und gebe Abstoß. Ein anderes Problem ist Abseits. Ohne Assistenten an den Seitenlinien ist es sehr schwierig, diese Entscheidung stets korrekt zu treffen.“

match-day.de: Nehmen wir an, Sie bemerken im Laufe eines Spiels, dass eine Mannschaft durch Sie benachteiligt wurde. Gibt es Konzessionsentscheidungen?

Johanna Kotthoff: „Konzessionsentscheidungen treffe ich grundsätzlich nicht. Wenn man mit sowas anfängt, merken das die Spieler sofort und ein Spiel wird hitziger und gefährlicher für alle Betroffenen.“

match-day.de: Gab es ein Spiel oder eine Szene, die so außergewöhnlich war, dass Sie Ihnen besonders in Erinnerung geblieben ist? Im positiven oder negativen Sinne?

Johanna Kotthoff: „Inzwischen bin ich seit über fünf Jahren Schiedsrichterin. Da gab es viele Spiele mit Höhen und Tiefen. Ich hebe mir die Notizkarten dieser Begegnungen auf und hänge sie mir zuhause an die Wand. Es gibt mittlerweile um die zwanzig Karten meiner wichtigsten Spiele: zum Beispiel die des Westfalenpokalfinales der Frauen, solche von sehr guten Beobachtungsspielen, Entscheidungsspielen oder Einsätzen im DFB-Pokal, aber auch von sehr hitzigen Spielen mit vielen gelben und roten Karten. Man sammelt mit der Zeit viele Momente, an die man sich gerne zurückerinnert oder die im Gedächtnis bleiben sollen, um aus ihnen zu lernen. Besonders gerne erinnere ich mich an die Spiele, nach denen Angehörige der Verlierermannschaft auf mich zukommen und sagen: „Gut gepfiffen Schiri, an dir hat’s heute nicht gelegen.“ Dann hat man eine Menge richtig gemacht.“

match-day.de: Verhalten sich männliche Spieler Ihnen gegenüber anders als bei männlichen Kollegen? Gibt es Vorbehalte gegen Sie als Frau, oder bekommen Sie sexistische Kommentare von Spielern oder Zuschauern mit?

Johanna Kotthoff: „Ich habe schon festgestellt, dass ich auf dem Feld von den Spielern weniger angegangen werde als meine männlichen Kollegen. Ich denke, da ist die Hemmschwelle wohl einfach höher. Was die Zuschauer betrifft, kann ich gar nicht viel dazu sagen, weil ich deren Kommentare einfach ausblende. Auch sexistische Kommentare höre ich eher selten. Zwei Mal kam das bisher erst vor. Das letzte Mal jedoch erst Anfang dieser Saison: Nach einem recht fair geführten Pokalspiel zwischen einem A-Ligisten und einer Mannschaft aus der Bezirksliga meinte ein Spieler des höherklassigen Verlierers: „Also ausgehen würde ich schon noch mit dir, pfeifen sollst du uns aber nie wieder.“ Bei mir verhält es sich allerdings genau andersherum.“

match-day.de: Es gab in der Vergangenheit im Amateurbereich immer mal wieder Gewalt und Anfeindungen gegenüber Schiedsrichtern. Unter anderem im Ruhrgebiet gab es massive Ausschreitungen, die medial für Aufsehen gesorgt haben. Haben Sie so etwas im HSK schon einmal erlebt, oder fühlten Sie sich unwohl oder bedroht?

Johanna Kotthoff: „Persönlich habe ich sowas Gott sei Dank noch nie erlebt und hoffe einfach, dass das auch so bleibt. Aber von ein paar Kollegen hört man dann doch immer wieder erschreckende Geschichten, was sie auf und neben dem Feld alles erlebt haben. Im HSK ereignete sich ein solcher Vorfall noch Anfang der Saison, der auch in der Presse diskutiert wurde. Die Bezirksspruchkammer beschäftigt sich inzwischen mit dem Fall. Unabhängig davon finde ich, dass solche Gewalttäter nichts mehr im Fußball verloren haben. Das hat nichts mit Emotionen oder Temperament zu tun. Das sind Aggressionen, die auf dem Platz nichts zu suchen haben!“

match-day.de: Der Videobeweis in der Bundesliga ist, insbesondere unter Fans, teilweise stark in der Kritik. Wie ist Ihre persönliche Meinung dazu und gibt es einfache technische Hilfsmittel, die auch im Amateurbereich hilfreich wären?

Johanna Kotthoff: „Meiner Meinung nach hat der Videobeweis die Diskussionen nach den Spieltagen nur verschoben. Wo früher über den nicht gegebenen Elfmeter gemeckert wurde, meckert man heute über die nicht stattgefundene oder zu lange dauernde Überprüfung. 100 Prozent gerecht kann man das Spiel dadurch zwar nicht machen, aber ich denke schon, dass die Fehlerquote inzwischen deutlich abgenommen hat. Das finde ich positiv, auch wenn die Emotionen im Stadion nach einer Torerzielung möglicherweise darunter leiden. Im Amateurbereich ist das technisch leider nicht möglich. Das kann sich in der Kreisliga kein Verein leisten. Da es da aber auch meistens noch um den Spaß am Spiel und nicht um Geld geht, finde ich das auch völlig unnötig. Teilweise werden schon zu Unrecht die „exorbitanten Schiedsrichterkosten“ kritisiert. Hilfreich wäre der Einsatz eines Gespanns statt nur eines einzelnen Schiedsrichters, denn sechs Augen sehen bekanntlich mehr als zwei. Aber auch das ist mangels finanziellen Mitteln und auch mangels Masse an Schiedsrichtern leider nicht möglich.“

match-day.de: Wie sehen Ihre Pläne für die Zukunft aus? Haben Sie den Anspruch, möglichst hochklassig zu pfeifen?

Johanna Kotthoff: „Ich hoffe, dass ich nach Abschluss der Saison in die Landesliga aufsteige, dann sehe ich weiter. Ich schaue von Saison zu Saison, wie weit es geht und freue mich über jede Erfahrung, die ich machen darf, wobei Ober- oder Regionalliga natürlich schon klasse wären. Da inzwischen auch der Aufstieg bei den Frauen nicht mehr so einfach ist, wäre mein Ziel, irgendwann in der 2. Frauen-Bundesliga pfeifen zu können. Beachten muss ich natürlich auch, dass die Schiedsrichterei mein Hobby ist, es muss sich daher demnächst auch mit meinem Job vereinbaren lassen. Momentan bin ich noch im Studium, da ist es zeitlich einfacher. Wenn ich aber demnächst als Ärztin arbeite, bin ich am Wochenende nicht immer verfügbar und muss auf Wochenend- und Schichtdienste Rücksicht nehmen.“


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